Ich dachte es sei vorbei

So 01. 05. 05 Das, was mir eben Schmerz bereitet, ist folgendes:
Heute Nachmittag nach dem Essen. Ich sitze mit Nino, meinem Sohn, noch ein bisschen in der Sonne. Eher zufällig frage ich, wie es ihm zurzeit in der Schule so gehe. Für mich in einer völlig unerwarteten Heftigkeit, bricht es aus ihm heraus: Ganz schlecht gehe es ihm gerade, er habe riesengroße Schwierigkeiten in der Klasse und fühle sich dort überhaupt nicht mehr wohl.

Was er erzählt ist folgendes: Er werde ständig provoziert von irgend so einem Typ in seiner Klasse oder sogar von mehreren, die ihn damit ärgern, indem sie rassistische

Meldungen von sich geben. Antisemitische inklusive.
Wenn er sich dann darüber aufregt, meinen sie, es sei eh nur ein Scherz. ...... Er möge doch nicht gleich so.....angerührt...!
Und ich dachte es sei vorbei. Und ich dachte, ich könnte dies von meinen Kindern fernhalten. Indem ich sie zum Beispiel in eine als fortschrittlich bekannt Schule schicke.

Nino berichtet, dass so ein Typ in seiner Klasse von irgendeiner Nazihomepage einen rassistischen Song heruntergeladen habe, mit ziemlich bösem Text. Zum Kotzen böse. Und am Schulschikurs, also vor zirka vier Wochen, haben sie ihm immer dieses Lied vorgespielt, wenn sie wollten, dass er aus dem Zimmer geht. Herausgeekelt mit einem Nazilied.

Der Text, wie ihn mein Sohn erinnert:

Den Rest konnte Nino dann nicht mehr hören, da er immer das Zimmer verließ. Angeblich soll das Lied ja gar nicht bös gemeint sein, sagen die Mitschüler, sondern eher satirisch. Selbst wenn, was ich nicht glaube, dann ist dieses Lied vor allem geschmacklos und verwendet wurde es nicht zur Unterhaltung, sondern um Mitschüler zu mobben, um jüdische Mitschüler zu mobben.

Und ich hoffte immer, es sei vorbei. Obwohl ich natürlich weiß, dass es in den Schulen unter Jugendlichen Rassismus und Antisemitismus gibt. Manchmal ganz gezielt, oft einfach nur dumm und unreflektiert. Aber ich dachte trotzdem, es sei vorbei. Irgendwie. Obwohl immer so nah, war es doch auch fern. Ich hoffte, meine Kinder bleiben davor verschont....Wie naiv. Ich wollte es ihnen ersparen.

Auf meine Frage, warum er mir das nicht schon längst erzählt habe, meinte er nur, er habe sich gefürchtet. Davor, dass ich in der Schule einen Aufstand machen werde, und er dann noch mehr Probleme mit seinen Freunden bekommen würde. Seinen Freunden. Leider.

Sein bester Freund hat ihm diesen Song auch immer wieder mal vorgespielt. Nur, um ihn halt ein bisschen zu ärgern. Wie das die Jungs in der Schule so gerne tun. Sohn fortschrittlicher Eltern. Einfach nur dumm. So denkt mein Kopf. Dumm und unreflektiert. 13 Jahre alt.

Die wissen noch nicht, um die volle Tragweite solcher Scherze. Mein Sohn leider schon. Aber nach diesem Gespräch gärt es in mir. Zorn und eine bodenlose Traurigkeit, die ich oft in solchen Zusammenhängen verspüre. Und immer dieser Satz, der mir durch den Kopf geistert: „Und ich dachte, es sei vorbei. Und ich hoffte doch meine Kinder werden sich nicht fürchten müssen. Nicht deswegen“. Und diese Wut und diese Verzweiflung: noch immer nicht vorbei. Noch immer nicht. Noch eine nächste Runde.

Das war die Aufregung am Sonntag. Und mir ist eng um die Brust und das ist Schmerz. Ich hasse das. Am liebsten würde ich umgehend die Eltern von Ninos Freund anrufen und ihnen von dieser Dummheit ihres Sohnes berichten. Aber damit würde ich es mir mit Nino verscherzen. Aber irgendetwas muss ich doch tun!!

Copyright Dr. Johann Lauber 2011